Kritische Nachtlänge, natürlicher Blütebeginn, Frühlingsblüte und Reveg bei photoperiodischen Cannabispflanzen

Kritische Nachtlänge, natürlicher Blütebeginn, Frühlingsblüte und Reveg bei photoperiodischen Cannabispflanzen

Wer Cannabis im Freien anbaut, stellt sich früher oder später die Frage: Wann beginnt eine photoperiodische Cannabispflanze eigentlich natürlich zu blühen?

Die Antwort ist komplexer, als viele denken. Nicht das Kalenderdatum entscheidet über den Blütebeginn, sondern die sogenannte kritische Nachtlänge. Sie bestimmt nicht nur den natürlichen Start der Blüte im Sommer, sondern ist auch die Ursache für unerwünschte Frühlingsblüten und anschließende Revegetation (Reveg).

In diesem Artikel erfährst du, wie photoperiodische Cannabispflanzen ihren Blütebeginn steuern, warum manche Pflanzen bereits im Frühjahr blühen und welche Folgen eine anschließende Revegetation haben kann.

Was bestimmt den natürlichen Blütebeginn bei Cannabis?

Cannabis ist eine Kurztagspflanze. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme reagiert sie nicht direkt auf die Tageslänge, sondern auf die Dauer der ununterbrochenen Dunkelphase.

Jede Sorte besitzt eine individuelle kritische Nachtlänge. Wird diese überschritten, beginnt die Pflanze mit der Blütenbildung.

Vereinfacht bedeutet das:

  • Lange Nächte → Blüte wird eingeleitet
  • Kurze Nächte → vegetatives Wachstum

Der natürliche Blütebeginn photoperiodischer Cannabispflanzen hängt deshalb in erster Linie davon ab, wann die Nächte lang genug werden.

Wann beginnen photoperiodische Cannabispflanzen natürlich zu blühen?

Ein häufiger Irrtum lautet, dass Cannabis nur bei 12 Stunden Licht und 12 Stunden Dunkelheit zu blühen beginnt.

Tatsächlich starten die meisten Sorten deutlich früher.

Je nach Genetik liegt die kritische Nachtlänge häufig zwischen etwa 10 und 11 Stunden. Deshalb zeigen viele Outdoor-Pflanzen bereits im Hochsommer die ersten Blüteansätze, obwohl die Tage noch deutlich länger als 12 Stunden sind.

Der tatsächliche Blütebeginn hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Genetik
  • Herkunft der Sorte
  • Alter der Pflanze
  • geografische Lage da die Nächte in südlicher gelegenen Regionen erst später länger werden.

Besonders afghanische und indica-dominante Sorten beginnen häufig früher mit der Blüte als tropische Sativas.

Warum kommt es im Frühjahr zu einer Frühlingsblüte?

Viele Grower ziehen ihre Pflanzen im Haus unter 18 oder sogar 22 Stunden Licht vor und setzen sie anschließend bereits im April oder Mai ins Freie.

Das Problem:

Die Pflanzen erleben plötzlich deutlich längere Nächte als zuvor.

Beispielsweise beträgt die Tageslänge:

  • Mitte April: etwa 13–14 Stunden
  • Anfang Mai: etwa 14–15 Stunden

Für manche geschlechtsreifen Pflanzen fühlt sich dieser Wechsel wie der Beginn des Herbstes an.

Wird die individuelle kritische Nachtlänge überschritten, startet die Pflanze die Blütenbildung – obwohl der Sommer noch bevorsteht.

Dieses Phänomen wird als Frühlingsblüte bezeichnet.

Welche Pflanzen sind besonders anfällig für Frühlingsblüten?

Indica-dominante Genetiken

Viele Bergland- und Afghanica-Genetiken wurden über Generationen auf frühe Blüte selektiert und reagieren besonders sensibel auf "lange" Nächte.

Fast-Versionen

Fast-Versionen wurden gezielt auf einen früheren Blütebeginn gezüchtet und können daher ebenfalls stärker auf Frühlingsbedingungen reagieren.

Was passiert bei einer Revegetation (Reveg)?

Mit zunehmender Tageslänge im Mai und Juni werden die Nächte wieder kürzer.

Irgendwann unterschreitet die Nacht die kritische Schwelle der Pflanze. Die Blütenentwicklung stoppt und die Pflanze versucht, wieder in die vegetative Wachstumsphase zurückzukehren.

Dieser Vorgang wird als Revegetation (Reveg) bezeichnet.

Typische Anzeichen einer Revegetation

Entgegen der häufigen Annahme wachsen Pflanzen nach einer Frühlingsblüte nicht sofort wieder normal weiter.

Während der Revegetation treten oft deutliche Veränderungen auf:

Einfingrige Blätter

Das bekannteste Merkmal eines Reveg. Statt der üblichen mehrfingrigen Blätter produziert die Pflanze zunächst einzelne Blattfinger.

Verformte Blätter

Viele Pflanzen bilden verdrehte oder asymmetrische Blätter aus.

Krüppelwuchs

Neue Triebe wachsen häufig gestaucht, deformiert oder ungewöhnlich langsam.

Extreme Verzweigung

Die hormonelle Umstellung führt oft zu einer starken Bildung neuer Seitentriebe.

Wachstumsstagnation

Je nach Ausprägung kann die Pflanze mehrere Wochen benötigen, um wieder ein normales Wachstumsmuster zu entwickeln.

Erst wenn wieder regelmäßig mehrfingrige Blätter erscheinen, ist die Revegetation weitgehend abgeschlossen.

Erhöht eine Frühlingsblüte das Risiko für Hermaphroditismus?

Ja, insbesondere bei genetisch instabilen Sorten.

Eine Frühlingsblüte mit anschließender Revegetation bedeutet erheblichen Stress für die Pflanze. Sie muss ihr Blüteprogramm abbrechen und hormonell wieder auf Wachstum umstellen.

Dadurch kann das Risiko für die spätere Bildung männlicher Blüten steigen.

Wichtig ist jedoch:

  • Reveg verursacht nicht direkt Hermaphroditismus.
  • Reveg kann genetische Schwächen verstärken.
  • Stabile Sorten zeigen oft keine Probleme.
  • Bereits zwitteranfällige Genetiken reagieren deutlich empfindlicher.

Aus diesem Grund werden Pflanzen mit ausgeprägter Frühlingsblüte von professionellen Züchtern häufig nicht zur Weitervermehrung genutzt.

Ist Reveg grundsätzlich negativ?

Nicht zwingend aber der Zeitverlust und die Risiken wiegen die "Vorteile" nicht auf.

Mögliche Vorteile:

  • stärkere Verzweigung
  • mehr potenzielle Blütenansätze
  • buschiger Pflanzenaufbau

Mögliche Nachteile:

  • mehrere Wochen Wachstumsverlust
  • deformierter Wuchs
  • erhöhtes Zwitterrisiko bei empfindlichen Genetiken
  • spätere Ernte
  • erhöhtes Schimmelrisiko im Herbst

Für die meisten Outdoor-Grower überwiegen die Nachteile deutlich.

Wie verhindert man Frühlingsblüten?

Später aussetzen

Die einfachste Methode besteht darin, Stecklinge erst Mitte bis Ende Mai dauerhaft ins Freie zu stellen.

Lichtangleichung vor dem Aussetzen

Die Beleuchtungsdauer wird vor dem Aussetzen schrittweise reduziert.

Beispiel:

  • Woche 1: 18 Stunden
  • Woche 2: 16 Stunden
  • Woche 3: Auspflanzen

Dadurch wird die Umstellung auf die natürliche Photoperiode deutlich sanfter.

Natürliche Tageslänge künstlich verlängern

Eine besonders effektive Methode besteht darin, die Tageslänge nach Sonnenuntergang mit einer kleinen Lichtquelle zu verlängern.

Dafür reichen oft bereits:

  • kleine LED-Lampen
  • E27-LEDs mit 5–10 Watt
  • LED-Streifen
  • helle Solarleuchten

Beispiel:

  • Sonnenuntergang: 20:00 Uhr
  • Zusatzbeleuchtung bis 23:00 Uhr

Dadurch bleibt die effektive Tageslänge oberhalb der kritischen Schwelle und die Pflanzen setzen keine Frühlingsblüte an.

Profi-Tipp

Bei Outdoor-Stecklingen in Deutschland reicht oft bereits eine einzelne 5–10-Watt-LED aus, um mehrere Pflanzen vor einer Frühlingsblüte zu schützen. Die Stromkosten sind minimal, während mehrere Wochen Wachstumsverlust durch eine spätere Revegetation vermieden werden können.

Viele erfahrene Outdoor-Grower setzen ihre Stecklinge deshalb bereits im April oder Anfang Mai ins Freie und verlängern die natürliche Tageslänge bis Anfang Juni mit einer einfachen Zusatzbeleuchtung.

Nicht jede Vorblüte ist eine echte Blüte

Viele Grower verwechseln Vorblüten mit dem Beginn der eigentlichen Blütephase.

Vorblüten zeigen lediglich die Geschlechtsreife der Pflanze an:

  • einzelne weiße Blütenfäden an den Nodien
  • keine ausgeprägten Blütenstände
  • normales vegetatives Wachstum

Von einem tatsächlichen Blütebeginn spricht man erst, wenn die Pflanze aktiv Blütenstände ausbildet und ihr Wuchsverhalten verändert.

Fazit

Der natürliche Blütebeginn photoperiodischer Cannabispflanzen wird durch die kritische Nachtlänge gesteuert. Wird diese Schwelle überschritten, beginnt die Pflanze mit der Blütenbildung – unabhängig davon, welches Datum der Kalender zeigt.

Wer Stecklinge oder geschlechtsreife Pflanzen im Frühjahr zu früh ins Freie setzt, riskiert eine unerwünschte Frühlingsblüte. Die anschließende Revegetation führt häufig zu einfingrigen Blättern, Krüppelwuchs, Wachstumsverzögerungen und kann bei empfindlichen Genetiken das Risiko für spätere Zwitterbildung erhöhen.

Mit einer angepassten Auspflanzzeit oder einer einfachen Verlängerung der natürlichen Tageslänge durch eine kleine Zusatzbeleuchtung lässt sich dieses Problem jedoch zuverlässig vermeiden. Dadurch bleiben die Pflanzen durchgehend im vegetativen Wachstum und können ihr volles Potenzial für die eigentliche Blütephase ausschöpfen.


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